Darfst du bei dir deine Meinung sagen? Oder wirst du zensiert?

Vielleicht denkst du jetzt gleich an undemokratische Länder, in denen jede kritische Meinungsäußerung zensiert oder noch schlimmer bestraft wird. Ich will in diesem Artikel über etwas anderes schreiben, das ich genauso schlimm finde: die Selbstzensur!

Stufe 1 der Selbstzensur: nicht sagen, was ich denke

Sinnvoll – nicht alle Gedanken aussprechen

Es ist ja schon sinnvoll, nicht immer sofort alles ungefiltert auszusplappern, was einem so durch den Kopf geht. Es erleichert einfach das Zusammenleben.

Wenn ich mich zum Beispiel gerade über einen Nachbarn ärgere, würde es den Hausfrieden vermutlich stören, wenn ich ihm meine Gedanken eins zu eins an den Kopf werfen würde. “Du *** Idiot, ist es denn so schwer, nachts um *** elf mal den Stecker von deiner *** dämlichen Musik zu ziehen?”

Vermutlich wäre er dann wütend auf mich. Und je nach Charakter würde daraus: Wortgefechte mit gegenseitigen Beschimpfungen, erst Recht und mit voller Absicht die Musik noch lauter machen, Anzeigen wegen Beleidigung oder Ruhestörung.

Gerne mehr davon in Sozialen Medien

Im übrigen würde genau an dieser Stelle manchmal etwas mehr Selbstzensur nicht schaden. So viele Diskussionen im Internet, in Sozialen Medien sind geprägt von Kommentaren, die die Personen (hoffentlich) so im direkten Kontakt nicht abgeben würden. Die scheinbare Anonymität macht es schwerer, sich in andere Menschen einzufühlen oder überhaupt wahrzunehmen, dass am anderen Ende ein fühlender Mensch ist.

Viel zu oft wird ungefiltert heftige Wut an Stellen abgeladen, die von der eigentlichen Ursache der Wut weit entfernt sind. Rücksichtnahme, Empathie, das ist auch beim Austausch übers Internet angesagt.

Selbstzensur der schädlichen Art

Jetzt gibt es aber natürlich auch den Fall, dass ich – mit aller gebotenen Höflichkeit – eine andere Meinung habe oder einen Zustand unerträglich finde.

Eigentlich würde ich nur allzu gerne etwas dagegen sagen. Eigentlich drängt es mich, meine Stimme zu erheben. Eigentlich wäre es wichtig, meine Meinung zu sagen. Eigentlich geht es gar nicht, so wie es jetzt gerade ist. auf die Zunge beiße, es runterschlucke

Tja, eigentlich. Und gleichzeitig ist die Angst riesig groß. Die Angst vor den Folgen, vor dem was andere über mich denken könnten oder reagieren können. “lieber die Klappe halten”, “kann ich doch nicht bringen” Am Ende sage ich dann nichts, schlucke es runter, beiße mir auf die Zunge – und schäme mich dafür, dass ich der Angst nachgegeben habe, dass ich nicht zu mir und meinen Werten gestanden bin.

Hier einige Beispiele (nicht alle autobiographisch!)

  • jemand stänkert über eine bestimmte Gruppe – ich sehe das ganz anders, traue mich aber nicht etwas zu sagen, weil ich befürchte, das nächste Opfer zu sein
  • bei der Arbeit läuft es nicht so rund – ich denke, der Chef sollte etwas anders machen, traue mich aber nicht etwas zu sagen, weil ich Angst um meinen Job habe
  • mein Partner sagt oder macht etwas, das mich sehr verletzt – und statt Schluß zu machen, schlucke ich meinen Ärger runter, weil ich Angst vor der Einsamkeit habe

Was tun bei Selbstzensur?

Wenn ich bemerke, dass ich mich selbst zensiert habe und mal wieder nicht gesagt habe, was mir wichtig ist, dann versuche ich eine oder auch alle der folgenden Möglichkeiten:

  • ich nehme mich – im übertragenen Sinne – selbst in den Arm und tröste mich. Es hat nicht so geklappt, wie ich es gerne hätte. Das ist traurig und schade. Ich kann die Vergangenheit nicht ändern – nur betrauern, dass es so gelaufen ist.
  • ich verbinde mich mit dem Teil in mir, der mich selbst zensiert hat. Ich versuche zu verstehen, was mich abgehalten hat, etwas zu sagen. Dieser Grund ist vielleicht nicht immer offensichtlich, aber immer da – sonst hätte ich es ja einfach gesagt. Vermutlich geht es um Sicherheit, oder darum dazuzugehören.
  • ich verbinde mich mit dem Teil in mir, der gerne etwas gesagt hätte. Ich versuche zu verstehen, was mir daran wichtig gewesen wäre. Vielleicht ist das Menschlichkeit oder auf Augenhöhe miteinander umgehen oder oder oder. Ich versuche zu spüren, wie wichtig mir das ist.
  • vielleicht finde ich weitere Ideen, wie ich zu meinen Werten stehen kann ohne mich in (tastächliche oder gefühlte) Gefahr zu begeben

Wenn dir das immer wieder passiert, habe ich in einem früheren Blogartikel schon einige Tipps für dich aufgeschrieben, um mit immer gleichen Reaktionen umzugehen.

Stufe 2 der Selbstzensur: meine Gedanken wegschieben

Es gibt noch eine tiefere Stufe der Selbstzensur, die viel weiter reicht. Ich vermute, auch du hast das schon mal gemacht: deine eigenen Gedanken zensiert. Vielleicht ist es dir bewusst, vielleicht auch nicht.

Gedanken, die zu verrückt, zu brutal, zu intensiv sind. Kaum gedacht, schieben wir diese Gedanken sofort wieder beiseite.

Verrückte Gedanken, so wie im Lied I wonder – “ob der Baum sich freut, wenn die Sonne scheint?” oder “ist es langweilig für die Lampe, immer nur an der Decke zu hängen?”. Falls solche Gedanken bei Erwachsenen überhaupt noch kommen, kommt sofort danch eine innere Stimme, die bremst. Vermutlich sind das die Stimmen von Erwachsenen, die wir als Kind immer und immer wieder gehört haben: “das ist doch Unsinn” “so eine alberne Frage” “ist doch klar…”. Irgendwann ist es internalisiert, wir zensieren unsere Gedanken selbst. Bis irgendwann diese Gedanken immer weniger und weniger werden. Schade!

Brutale Gedanken, wie zum Beispiel “der XY sollte einfach verrecken, dann wäre die Welt ein besserer Ort” oder “Freundschaftsanfrage von Ali Mohammed? – weg damit, der wird nichts Gutes im Schilde führen”. Auch hier setzt sofort die Gedankenzensur ein – noch bevor der Gedanke richtig da ist: “So darf ich nicht denken”, “das ist böse / rassistisch / unmenschlich”. Ich erschrecke bei solchen Gedanken. Es passt nicht zu meinem Selbstbild. So will ich nicht sein! Schnell weg damit!

Intensive Gedanken, wie zum Beispiel “jetzt schmeiß ich alles hin” oder “der Typ da ist echt scharf – wie der wohl nackt aussieht?”. Ups, hab ich das wirklich gedacht? “das gehört sich nicht!” “sei anständig” “kannst du doch nicht bringen”. Ich schäme mich vor mir selbst. Ich hoffe, dass mir niemand ansieht, dass ich gerade so etwas gedacht habe.

Mit Gefühlen ist es ähnlich – intensive Gefühle sind in Gesellschaft oft unerwünscht. “Reiß dich zusammen”, “jetzt bloß nicht heulen” und schon ist dieser Teil von mir wieder begraben – auch wenn es ganz deutlich ist, dass gerade etwas nicht ok ist für mich.

Aber es ist doch gut, wenn ich so was nicht denke, oder?

Bestimmte eigene Gedanken nicht zuzulassen, halte ich zunächst mal für eine halbwegs normale Reaktion – jeder will dazugehören, jeder will in seiner Gemeinschaft akzeptiert sein. Und die Erfahrung lehrt, dass bestimmte Haltungen und Ansichten in einer Gruppe abgelehnt oder bestraft werden. Das wollen wir vermeiden, also sprechen wir diese Gedanken nicht aus. Und wir wollen diese Gedanken auch nicht haben, weil sie uns möglicherweise in Gefahr bringen, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden.

Und trotzdem halte ich es auf Dauer für ungesund und schädlich, so zu tun, als wären diese Gedanken gar nicht da. Als wären wir alle unschuldige, immer freundliche, konstruktive und liebenswerte Menschen. Das sind wir schon auch. Und gleichzeitig ist das eben nicht alles – es gibt auch immer diesen sprichwörtlichen Keller, in dem alles weggesperrt ist, was Gäste nicht sehen sollen. Das ungeschminkte, unzensierte Selbst.

Was viele leider übersehen: Auch dieses Keller-Ich, das diese unschönen Gedanken hat, gehört zu uns. Auch wenn uns die Gedanken nicht gefallen, sie haben einen guten Grund. Irgendeinen Vorteil hat es, wenn ich so denke.

Ein Beispiel: ich habe diese Freundschaftsanfrage von dem Herrn mit dem arabisch klingenden Namen bekommen. Mein Verdacht, dass er entweder nur hübsche Bilder von mir anschauen will oder mir einen seltsamen Deal aufschwatzen will, ist leider gespeist von mehreren früheren Erfahrungen mit ähnlichen Anfragen. Diese Erfahrungen jetzt einfach so ungeprüft auf einen anderen Menschen zu übertragen, bewerte ich als rassistisch. Das gefällt mir nicht, ich mag Vielfalt und ich mag Menschen als Individuen anschauen. Trotzdem kommt der Gedanke ungebeten hochgeploppt. Der Grund könnte sein, dass ich es gerne einfach habe. Erst mal zu schauen, was diesen Menschen ausmacht, mit ihm in Kontakt zu treten, das würde Zeit und Energie kosten. Diese Zeit und Energie mag ich gerade lieber in die Beziehungen zu Menschen stecken, mit denen ich bereits im Kontakt bin.

Der Spirituelle Überbau

Ich höre und lese immer mal wieder – gerade aus der Szene der Persönlichkeitsentwicklung und auch häufig bei Menschen die sich viel mit Spiritualität beschäftigen: Aber man muss ja positiv denken! Die Gedanken manifestieren die Wirklichkeit, und wenn du negatives denkst, dann manifestierst du das in deinem Leben.

Es gibt eine Menge Meditationstechniken, die prima dazu benutzt werden können, um unerwünschte Gedanken wegzuschieben. Die Anweisung “lass deine Gedanken los” oder “du bist nicht deine Gedanken” eignen sich sehr gut als Verdrängungsmechanismus.

Ich habe solche Meditationen auch genutzt – und auch schon selbst angeleitet – und ich sehe ihren positiven Effekt. Ich genieße Momente in Meditationen, in denen ich diesen Zustand jenseits von Gedanken erreiche. Und gleichzeitig sehe ich es sehr kritisch, wenn Meditationen benutzt werden als Werkzeug, um Teile von sich selbst zu verdrängen.

Ich habe vor einiger Zeit mal eine Klangmeditation angeleitet. Nach der Meditation war ein Feedback meiner Klientin: „Da sind immer so viele negative Gedanken, die will ich gar nicht denken. Am liebsten würde ich gar nicht aufhören mit der Meditation.“ Wenn es dabei bleibt, sehe ich das als Realitätsflucht. Kurzfristig kann es hilfreich sein, mal etwas anderes zu erleben. Mal zu spüren, wie es ist nichts zu denken.

Für das Leben hier auf dieser Erde gibt es meiner Meinung nach unendlich viele Facetten – “negative” Gedanken gehören dazu.

Was kann es für Folgen haben?

Wenn ich einen Teil von mir verleugne – gerade dann, wenn es ein “dunkler” Teil ist – dann kostest das immer Energie. Ich kämpfe gegen einen Teil von mir an – und irgendwer wird bei einem Kampf verlieren. Wenn ich gegen mich selbst kämpfe, stehe ich also eigentlich schon von vorneherein als Verlierer fest. Selbst wenn ein Teil von mir irgendwann gewinnt, zahle ich dafür den hohen Preis der Selbstverleugnung.

Wenn ich über lange Zeit selbst meine Gedanken vor allem nach dem ausrichte, was andere Menschen über mich denken könnten, dann werde ich mich immer weniger trauen zu denken und zu handeln.

Ich bin der festen Überzeugung, dass alles was ich mache oder denke gute Gründe hat – auch wenn ich diese gerade noch nicht verstehen kann. Solange ein guter Grund da ist, sich zu melden, wird der Gedanke immer wieder kommen. Je mehr ich ihn wegschiebe, desto vehementer, hinterfotziger und unkontrollierter wird er es versuchen.

Was kann ich dafür tun, das abzustellen? Meinungsfreiheit im eigenen Gehirn

In freien Staaten gibt einzelne Menschen oder Vertreter der Presse, die Zensurversuche aufdecken und darüber berichten – wenn es im eigenen Land nicht mehr geht, im Ausland, um Druck auf die Regierung aufzubauen.

Wie sieht es aber aus, wenn ich selbst diejenige bin, die mich zensiert? Und vermutlich auch diejenige bin, die gar nicht hören will, dass es Zensur gibt? (bei mir doch nicht!)

  • die Selbstzensur der Gedanken bemerken – vielleicht sogar gezielt mit der Absicht durch den Tag gehen: heute achte ich mal darauf, wie oft ich Gedanken wegschiebe
  • sei gnädig mit dir – es ist ok, diese Gedanken zu haben. Es ist auch ok, Gedanken wegzuschieben.
  • frage dich, was der Grund für den Gedanken ist – was brauchst du gerade? was würde dir guttun?
  • frage dich, welche Werte der Gedanke verletzt – was willst du stattdessen leben?
  • sprich mit jemandem darüber, der dich nicht verurteilt (z.B. ein Life-Coach)

Wann immer es mir gelingt, auch die „schlechten“ Gedanken zuzulassen (nicht immer!), merke ich dass es wie eine Befreiung ist, und dass es ganz viel Energie gekostet hat, dieses „ich will das nicht denken“, „ich will so nicht sein“.

Die Energie kann ich dann nutzen und schauen, was es für mich gerade braucht, was mir helfen würde, wie ich gerne sein möchte, und: was der erste kleine Schritt sein könnte, um für das einzustehen was mir wichtig ist.

Judith mit kritischem Blick. Ein schwarzer Mund-Nasen-Schutz mit grauen Punkten ist nur über den Mund gezogen. Die Arme sind verschränkt.
Ich bin dagegen, mich selbst zu zensieren!
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