“I wonder” – wie ich wieder mehr ins Staunen komme

Neulich habe ich mir einen Text von Marshall B. Rosenberg angehört. Unter anderem hat er dabei das Lied “I wonder” (Text von Ruth Bebermeyer) gesungen.

Und ich mag dieses Lied, jedesmal wieder. Das englische Wort “to wonder” mag ich ohnehin irgendwie gern. Ich finde dafür im Deutschen keine besonders schöne Entsprechung. Man kann es je nach Kontext übersetzen mit: sich fragen, etwas wissen wollen, sich über etwas wundern, etwas bestaunen, über etwas staunen, Bewunderung ausdrücken, sich über jemanden/etwas Gedanken machen, sich über jemanden/etwas wundern.

Wenn du lieber hörst als liest – den Inhalt aus dem Artikel gibt es auch als Video bei Youtube (dieser Text ist aber kein 1:1 Transkipt)

"I wonder" - wie ich wieder mehr ins Staunen komme

Was fragst du dich?

Das Lied ist eine Sammlung von Antworten, die Rosenberg auf die Frage “what are you wondering about?”  (etwa: “Was fragst du dich?”) von Kindern erhalten hat:

  • “I wonder if a stone likes being hard” – ich frag mich ob ein Stein gerne hart ist
  • “I wonder if the grass cries when it’s cut” – ich frag mich ob das Gras weint wenn es geschnitten wird
  • “I wonder if the earth gets dizzy turning” – ich frag mich, ob es der Erde schwindlig wird wenn sie sich dreht
  • “I wonder why it’s fun to be a little scared”  – ich frag mich, warum es Spaß macht, ein kleines bisschen Angst zu haben 
  • “I wonder if you like being you” – ich frag mich, ob du es magst, du zu sein
  • “I wonder if you wonder like me” – ich frag mich, ob du dich genauso fragst wie ich

Und ich mag diese Fragen einfach, sie drücken diese Neugier aus, die Kinder haben, diese offene Sichtweise, das Unvoreingenommene. Die Augen für das Besondere, Außergewöhnliche.

Und es macht mir deutlich (und darum ging es auch in dem Text von Rosenberg), dass diese Haltung irgendwann verloren geht. Wenn wir uns selbst solche Fragen stellen, kommt meist sofort eine innere Stimme, die uns bremst. Und vermutlich sind das die Stimmen von Erwachsenen, die wir als Kind immer und immer wieder gehört haben: “das ist doch Unsinn” “so eine alberne Frage” “ist doch klar…”. Und später mischt sich vielleicht auch eine gewisse Trägheit, ein gewisser Hochmut ein, ein “weiß ich doch längst” “die …(hier beliebige Dinge oder Gruppen von Menschen einfügen) sind einfach so”

IJetzt bin ich auch nicht dafür, wieder komplett wie ein Kind zu sein. Ich bin sehr gerne erwachsen, ich schätze die Erfahrungen die ich gemacht habe und die Fähigkeiten, die ich mir angeeignet habe. Und gleichzeitig will ich mich wieder mehr für die Aspekte vom Kindsein öffnen, die ich auch schätze, die aber im Alltag immer wieder untergehen: Offenheit, Neugier, Leichtigkeit, Verspieltheit…

Anfängergeist – auch beim Tausendstel Mal mit neuer Begeisterung

Ich habe viele Jahre Aikido gemacht, eine japanische Kampfkunst. Dort war immer wieder die Rede vom “Anfängergeist” – sich eine Erklärung immer wieder so anzuhören, als würde man es zum ersten Mal hören, eine Technik so machen als würde man es zum allerersten Mal machen. Auch und gerade dann, wenn man glaubt “hab ich doch schon tausendmal gemacht, weiß ich doch schon, kann ich ja längst.”

In meiner Coaching-Ausbildung war dieser Anfängergeist auch eine wichtige Lektion: Dem Klienten so zuhören, als würde man das zum allerersten Mal hören. Ohne Vorurteile, ohne fixe Idee, wie etwas zu sein hat, flexibel, offen, neugierig. Und in diesem Kontext gelingt mir das auch recht gut. Dieses Lied “I wonder” war ein Anstoß für mich, auch in anderen Lebensbereichen wieder mehr ins Staunen zu gehen. Die Zensur der eigenen Gedanken aufzuheben und auch mal Ungewöhliches zu denken.

Eine schöne Übung dazu, die ich vor einiger Zeit gemacht habe: Iss eine Mahlzeit oder ein Nahrungsmittel das du häufig isst (bei mir war es ein Apfel) – aber diesmal tu so, als würdest du dieses Nahrungsmittel zum allerersten Mal essen. Was siehst du, was hörst du, was riechst du, wie fühlt es sich an in der Hand, im Mund, wie ist der Geschmack? Wie verändert es sich? Woher kommt das her? Wie wächst diese Pflanze wohl, wer hat sie angebaut, wie sieht der Rest der Pflanze wohl aus? Stell dir Fragen, wie als wäre es dir alles völlig unbekannt, als wüsstest du überhaupt nichts darüber. Ich fand das sehr spannend!

Blauer Himmel mit flockigen weißen Wölkchen. Text "I wonder if the sky likes being blue" Zitat von Marshall B. Rosenberg

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Suki

    Liebe Judith,

    eine tolle Idee, um den unbewussten Alltag zu durchbrechen! So, wie du es beschrieben hast, hab ich diese Idee noch nie gehört und finde sie total interessant! Ich hab Lust, es ganz oft auszuprobieren 🙂

    1. Judith Pfeiffer

      Vielen lieben Dank, Suki!
      Ich bin gespannt, was du dabei erlebst 🙂

  2. Pingback: Darfst du bei dir deine Meinung sagen? Oder wirst du zensiert? - Judith Pfeiffer - AufblühCoach

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