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Der Bauer und das Pferd

Der Bauer und das Pferd

Man sagt, diese Geschichte habe sich vor vielen, vielen Jahren im alten China zugetragen.

Ein Bauer war im Ort gut angesehen. Besonders bewundert wurde er von allen für sein prächtiges Pferd. Ein wunderschöner Hengst, stark und elegant. Die Dorfbewohner sagten zu ihm:
“Was für ein Glück du hast, so ein schönes Pferd zu besitzen!”
Der Bauer sagte nur “Glück oder Unglück, wer weiß das schon?”

Eines Tages war das Pferd plötzlich verschwunden. Die Dorfbewohner versammelten sich um den leeren Stall und klagten “Wie wirst du die Feldarbeit schaffen ohne das Pferd? Du Armer, jetzt hast du nichts mehr! Was für ein Unglück!”
Der Bauer sagte nur “Glück oder Unglück, wer weiß das schon?”

Nach einigen Tagen hörten die Dorfbewohner das Geräusch von vielen Hufen. Der Hengst kehrte zurück und mit sich brachte er eine kleine Herde von Wildpferden. Die Dorfbewohner eilten zum Bauern und riefen aufgeregt “du hattest Recht, es war kein Unglück dass das Pferd weggelaufen ist. Jetzt ist es wieder da und bringt all diese anderen Pferde mit. Was für ein Glück!”
Der Bauer sagte nur “Glück oder Unglück, wer weiß das schon?”

Der einzige Sohn des Bauern begann nun, die Wildpferde einzureiten. Dabei wurde er eines Tages abgeworfen und verletzte sich so schwer, dass sein Bein völlig zertrümmert wurde. Die Dorfbewohner gingen zum Bauern und klagten “Du Ärmster! Dein Sohn wird nie mehr arbeiten können. Wer wird für dich im Alter sorgen und deine Felder bestellen? Was für ein Unglück!”
Der Bauer sagte nur “Glück oder Unglück, wer weiß das schon?”

Kurze Zeit später begab es sich, dass der Kaiser einen Krieg began und Boten in die Dörfer schickte, um alle diensttauglichen Männer einzuziehen. Die Dorfbewohner hatten große Angst, sie wussten dass viele von ihnen ihre Söhne nie wieder sehen würden. Sie weinten und sprachen zum Bauern “Weil dein Sohn nicht mehr laufen kann, bleibt er dir erhalten. Was für ein Glück du hast!”
Der Bauer sagte nur “Glück oder Unglück, wer weiß das schon? Geht nach Hause und verbringt die Zeit mit euren Liebsten, solange sie noch bei euch sind.”

Warum erzähle ich hier diese Geschichte?

Diese Geschichte habe ich in meiner GFK-Grundausbildung (Gewaltfreie Kommunikation) 2014 zum ersten Mal gehört. In vielen Seminaren dieser Art ist es üblich, am Morgen zur Einstimmung solche Weisheitsgeschichten vorzulesen. Diese Geschichte vom Bauern und seinem Pferd hat mich damals sehr berührt – und sie berührt mich auch heute noch.

Bei einer anderen Ausbildung zwei Jahre später ging es um das Anleiten von Meditationen. Dazu wurden Texte verlost, jeder musste mal etwas vorlesen. Und ich habe diese Geschichte vom Bauern und seinem Pferd gezogen. Allerdings war der Text, der dort vorhanden war, eine etwas andere Version, die mir nicht so gut gefallen hat. Deshalb habe ich es dann frei erzählt – und ungefähr so habe ich es jetzt auch aufgeschrieben.

Ich mag an dieser Geschichte mehrere Aspekte. Dass darin Pferde, meine Lieblingstiere, vorkommen, ist auch einer davon. 😉

Carpe Diem

Das Ende der Geschichte drückt für mich aus: nutze den Tag – carpe diem. Solange du lebst, mach was draus. Verbringe Zeit mit den Menschen, die dir wichtig sind.

Ich gehe auch sehr stark in Resonanz zum Schmerz der Menschen, die mit ansehen müssen, wie ihre Liebsten sinnlos in einen Krieg gezogen werden und unnötig leiden und sterben müssen.

Urteile – gut oder schlecht? Glück oder Unglück?

Das ist für mich die Kernbotschaft der Geschichte: Wir neigen dazu, alles zu bewerten. Etwas ist gut oder schlecht, positiv oder negativ – oder wie hier eben Glück oder Unglück. Aber eigentlich entspringt dieses Urteil immer nur aus einer momentanen Sicht. Diese Sicht ist eingeschränkt und sieht die Situation nur aus dem Blickwinkel einer bestimmten Person, und / oder zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wenn man den Blickwinkel ändert hin zu einer anderen Person, sieht es oft ganz anders aus (des einen Freud, des andern Leid).

Und eben, wie in der Geschichte, die Folgen eines Ereignisses können wir selten voraussehen. Was gestern noch wie ein furchtbares Unglück aussah, ist heute der Beginn von etwas Positivem, und könnte morgen schon eine fatale Folge haben. Übertragen auf mein eigenes Leben: Es hat sich verdammt mies angefühlt, als ein Ex-Freund mit mir Schluss gemacht hat – aber erst das hat mir ermöglicht zu sehen, was in der Beziehung gefehlt hat. Und ich bin im Rückblick sogar froh darüber, dass er es beendet hat.

Diese Überlegung “was ist denn eigentlich positiv und was ist negativ?” war auch der Anlasse, weshalb ich jetzt wieder an diese Geschichte gedacht habe. Mehr dazu schreibe ich in einem extra Artikel: “Der Moment, der mein Leben positiv verändert hat“.

Ein bisschen Kritik…

Komplett eins bin ich übrigens nicht mit der Lebenseinstellung dieses Bauern. Das klingt erst mal so toll – alles akzeptieren, nicht urteilen, über den Dingen schweben, sich nicht von einem momentanen Ereignis blenden lassen.

Aber für mich ist das gar nicht so erstrebenswert. Ich habe gern Orientierung im Leben. Und ich finde es wichtig, den Schmerz, wenn er da ist, zu fühlen. Dieser Schmerz zeigt mir ja auch, was mir im Leben wichtig ist.

Zum Beispiel: Wenn das Pferd wegläuft.

Diese Geschichte hat aus meiner Sicht schon auch die Gefahr, dass jemand schmerzhafte Ereignisse wegdrückt, wegschiebt, verdrängt. Weil es ja aus der übergeordneten Sicht auch ein Glück sein könnte.

Und du?

Wie denkst du über diese Geschichte? Was löst sie bei dir aus? Welche Gedanken und Bilder kommen bei dir?

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  1. Pingback: Der Moment, der mein Leben positiv verändert hat - Judith Pfeiffer - AufblühCoach

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