Der Tempel der Tausend Spiegel

Es gab einmal vor langer Zeit in einem entlegenen Bergdorf einen Tempel, in dem waren Tausend Spiegel.

Eines Tages kam ein streunender Hund in den leeren Tempel. Er erschrak fürchterlich – er sah einen Raum mit Tausenden anderen Hunden, die ihn alle misstrauisch anschauten. Der Hund fing an zu knurren und die anderen Hunde reagierten ebenso. Verängstigt gegenüber dieser Übermacht zog der Hund seinen Schwanz ein und rannte davon. Diesen unheimlichen Ort würde er nie wieder betreten! Dass er nur sein Spiegelbild tausendfach gesehen hatte, das war ihm nicht bewusst.

Am nächsten Tag ergab es sich, dass ein anderer Hund zum Tempel findet. Dieser Hund schaut neugierig in den Raum – und ist sofort freudig überrascht: Da sind ganz viele andere Hunde! Er geht schwanzwedelnd in den Tempel und ist so voller Freude über die vielen anderen schwanzwedelnden Hunde, dass er vor Freude herumspringt und hüpft. So verbringt der Hund eine glückliche Zeit im Tempel der Tausend Spiegel.

Meine Gedanken zur Geschichte

“So wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es heraus.” Dieses Sprichwort drückt für mich etwas ähnliches aus, wie diese Geschichte. Wenn ich grießgrämig bin, und alle Menschen in meiner Umgebung anknurre, dann werden diese Menschen nicht gerade freundlich auf mich reagieren. Und wenn ich umgekehrt fröhlich bin und alle anlächle, dann werde ich auch viel eher freundlich gesinnten Menschen begegnen.

Im Alltag ist das manchmal nicht so leicht. Die oberflächliche Botschaft könnte auch verstanden werden als “du musst einfach immer offen und freundlich sein”. Das würde eine extrovertierte Haltung, die gern auf andere Menschen zugeht und gern mit anderen Menschen zusammen ist, bevorzugen.

Wenn jemand aus sich heraus gerade in einer offenen, freundlichen Stimmung ist, dann ist das meiner Ansicht nach eine schöne Art auf Menschen zuzugehen. Es gibt aber auch andere Situationen, in denen jemand vielleicht gerade traurig oder verletzt ist – und das darf auch sein! In so einer Lage künstlich eine freundliche Mine aufsetzen, das ist auf Dauer richtig schädlich und kostet extrem viel Lebensenergie.

Als ich die Geschichte aufgeschrieben habe, kam mir auch noch ein weiterer Gedanke: Beide Hunde geben sich einer Illusion hin – dass es andere Hunde seien. Ich behaupte: keiner wird auf Dauer wirklich glücklich sein, solange diese Illusion besteht. Der misstrauische Hund wird auf eine Art glücklich sein, dass er möglichst weit weg vom Tempel ist. Ansonsten wird er eher unglücklich und einsam sein.

Der zutrauliche Hund wird vielleicht zunächst eine Art Glück empfinden – aber auf die Dauer ist es kein Glück, nur mit dem eigenen Spiegelbild zusammen zu sein. Echte Berührung und echter Kontakt mit Anderen bleibt aus. Sich ständig nur mit dem eigenen Spiegelbild zu befassen und es anzuhimmeln, das nennt man bei Menschen Narzissmus…

Übertragen auf das menschliche Leben bedeutet das für mich: es ist wichtig zu erkennen, dass das was ich im Außen sehe, sehr viel mit mir selbst zu tun hat. Dass es eben nicht einfach nur etwas externes ist, das ich nicht beeinflussen kann – sondern dass mein innerer Zustand bestimmt, wie ich die Welt sehe. Also, wenn ich zum Beispiel von jemandem auf der Straße grimmig angeschaut werde und mich das nervt, dann kann ich mich fragen, was das in mir auslöst – gibt es in mir einen grimmigen Teil, den ich nicht mag und den ich wegschiebe?

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