Von der Balance zwischen Zuhören und Mitteilen

Ich erlebe es immer wieder, dass Menschen mir berichten, sie würden bei einer bestimmten Person nicht oder viel zu wenig zu Wort kommen. Da fallen dann Sätze wie “der quatscht einen tot” oder “ständig erzählt die von ihren Problemen – ich komm’ mir vor wie der Seelen-Mülleimer” oder “es geht immer nur um sie, und ich komme gar nicht zu Wort – meine Probleme scheinen sie nicht zu interessieren”.

Übersetzt heißt das für mich: Diese Menschen brauchen mehr Balance zwischen zuhören und mitteilen. Sie wollen, dass es ausgewogen zugeht, dass jeder zu Wort kommen kann.  Diese Balance kann auf verschiedene Weisen ins Schwanken geraten – und auch wieder ausgeglichen werden.

Das “zu viel” und “zu wenig” in den folgenden Abschnitten bezieht sich immer auf deine subjektive Sicht. Ich denke, es gibt kein absolutes Maß von einer bestimmten Menge an Worten, das richtig wäre.

Zu wenig zuhören

Wenn es einem Menschen nicht gut geht, dann ist es ihm oft schwierig bis unmöglich, eine andere Perspektive einzunehmen, auf andere einzugehen und sich mit den Problemen oder Sichtweisen eines anderen zu befassen. Viel wichtiger ist in solchen Situationen, dass jemand da ist, der zuhört, der sie versteht, Verständnis oder Mitgefühl aufbringt.

Besonders konfliktträchtig und problematisch wird es dann, wenn zwei Menschen aufeinander treffen, die gerade mitten in ihren eigenen Problemen stecken und am dringendsten jemanden brauchen würden, der sie endlich versteht. Es ist dann ein bisschen so, als würden zwei Menschen die kurz vor dem Verhungern sind, sich gegenseitig um Nahrung anbetteln – auch wenn beide guten Willens sind, gibt es einfach nicht genug Nahrung und beide bleiben hungrig.

Die Lösung ist – zumindest in der Theorie – recht einfach: wenn sich zumindest einer von beiden die so dringend benötigte “Nahrung” aus Verständnis und Empathie von einer dritten Person holt. So genährt, fällt es dann auch leichter, der anderen Person etwas abzugeben.

Zu viel zuhören

Auch schwierig: wenn jemand, der sich gerade dringend mitteilen möchte, auf jemanden trifft, der nur schwer Grenzen ziehen kann. Gerade schüchterne, zurückhaltende Menschen haben es oft nicht gelernt, Nein zu sagen, wenn es ihnen zuviel wird. Die Angst, den anderen zurückzuweisen, unhöflich zu sein und ähnliche Ängste führen dazu, dass sie auch dann noch versuchen, dem anderen verständnisvoll zuzuhören, wenn die eigene Kapazität zum zuhören längst erschöpft ist. Ich kann davon ein Lied singen… und leider habe ich das viele Jahre nicht mal gemerkt, sondern war einfach erschöpft oder genervt im Kontakt mit manchen Personen bzw. habe versucht diesen Menschen aus dem Weg zu gehen. 

Was hilft? 

  • Schritt für Schritt lernen und üben, Grenzen zu setzen. 
  • auch mal liebevoll “Nein” sagen (siehe dazu auch mein Artikel Nein sagen).
  • sich darüber bewusst werden, wann zuhören gut tut und wann nicht (mehr)
  • aus der Situation rausgehen, wenn sie nicht (mehr) guttut. 
  • und: zuhören lernen (siehe auch diese Blogartikel: Zuhören und eine besondere Art von Zwiegespräch)

Für mich war folgender Gedanke entscheidend: Stell dir vor, du erzählst jemandem von einem Problem – und später erfährst du, dass der andere nur genervt war und sich insgeheim gewünscht hat du würdest einfach nur aufhören zu reden. Wäre es dir da nicht viel lieber gewesen, gleich zu wissen, dass der andere gerade nicht zuhören kann oder will?

Ich habe früher vermutlich auch oft von mir auf andere geschlossen: ich habe normalerweise eher wenig erzählt und oft nur dann etwas gesagt wenn es so richtig gravierende Dinge waren, die mir extrem wichtig waren. Wenn dann jemand so viel erzählt, habe ich (unbewusst) gedacht, das muss sehr wichtig und dringend sein und folglich “muss” ich es über alles stellen was gerade bei mir los ist. Aber Menschen sind nun mal unterschiedlich, und auch die Schwelle ab wann und wie ausführlich jemand von einem persönlichen Problem erzählt, ist äußerst verschieden. Jetzt, wo ich das schreibe, klingt das irgendwie trivial – trotzdem hat es für diese bewusste Erkenntnis viele Jahre gebraucht.

Zu wenig mitteilen

Auch das ein typisches Problem von zurückhaltenden oder schüchternen Menschen: Ich teile mich nicht mit, weil ich mich selbst nicht so wichtig finde. Ich habe Angst, (zuviel) Raum einzunehmen, ich traue mich nicht, meine Meinungen zu äußern oder ich befürchte negative Reaktionen, wenn ich (zuviel) von mir erzähle.

Was mir hier geholfen hat: mich selbst wichtig(er) nehmen. Jeden Tag ein bisschen mehr. Ich kann gleichzeitig mich selbst als wertvoll wahrnehmen und dabei auch das Wertvolle in anderen Menschen sehen.

Und es braucht etwas Übung – in kleinen Schritten immer wieder probieren etwas relevantes von mir erzählen. Vielleicht erst nur Kleinigkeiten, zum Beispiel auf die Frage “wie geht’s?” statt mit dem automatischen “gut, und dir?” einen Satz hinzufügen “gut, ich habe heute morgen richtig genossen, mit dem Fahrrad durch die klare Luft zu fahren – und wie geht’s dir?”

Ein ganz praktisches Problem: Manche Menschen (ich zum Beispiel…) reden langsamer als andere, machen öfter mal Pausen beim reden, wollen nur etwas sagen wenn es auch durchdacht ist – und andere Menschen reden einfach so schnell und sprudelnd wie ein Wasserfall. Da braucht es manchmal etwas Durchsetzungsvermögen (und Mut), um den Wasserfall zu unterbrechen oder eine Unterbrechung durch den Wasserfall zu stoppen.

Zu viel mitteilen

Ich höre öfter mal von Menschen, denen ich lange zugehört habe, Sätze wie “oh je, jetzt habe ich so lange erzählt und du bist gar nicht zu Wort gekommen” oder “jetzt hab ich wieder zuviel geredet”. 

Ich mag es einerseits, wenn ich diese Frage höre – es zeigt mir ein Interesse daran wie es mir als Zuhörer geht. Und andererseits steckt in diesen Sätzen auch etwas von Selbstverurteilung – “es ist nicht ok, so viel zu reden” oder “ich bin zuviel” oder “ich darf nicht so viel Raum nehmen”.

Es kann hier helfen, sich selbst einzugestehen, dass es ok ist, gerade diesen Raum zu brauchen. Es ist so ein wichtiges Grundbedürfnis, gehört und verstanden zu werden – und jeder Mensch hat dieses Bedürfnis!

Das Interesse am Zuhörer könnte ich auch anders ausdrücken – ohne mich selbst anzuklagen: “Ich hab jetzt richtig viel von mir erzählt und du hast zugehört – das hat richtig gut getan, vielen Dank dafür! Wie geht es dir denn gerade?”

Was ist eigentlich ausgewogen?

Wenn es um “ausgewogen” und “Balance” geht, kommt mir spontan ein Bild von einer Waage, bei der auf beiden Seiten gleich viel steht. Übertragen auf reden / zuhören wäre dann ein ausgewogenes Gespräch eines, bei dem jeder die gleiche Redezeit hat.

Ich habe schon öfter in Seminaren eine Übung gemacht, bei der in Zweiergruppen eine Person für eine bestimmte Zeit nur geredet und die andere nur zugehört hat. Gerade in engeren Beziehungen finde ich das eine wunderbare Methode, um auch Menschen zu Wort kommen zu lassen, die sonst eher still sind – oder wenn die beiden Menschen sehr unterschiedlich sind in ihrem Drang sich mitzuteilen. (ausführlich habe ich diese Übung hier beschrieben).

Gleichzeitig ist es für mich nicht notwendig, dass es immer 50:50 ist, um ausgewogen zu sein – es kommt auf die Situation an.

Wenn ich zum Beispiel mit meiner Mutter telefoniere, kommt von ihr ab und zu “ich bin heute nicht so gesprächig” – das heißt dann meistens, sie hat zwar Lust mir zuzuhören, aber mag nicht so viel selbst sagen. Dann ist es ausgewogen, auch wenn fast nur ich rede. 

Oder wenn ich mit einer Freundin rede, der es gerade richtig schlecht geht, und ich bin gerade selbst ziemlich ausgeglichen – dann kann es für mich ein wunderbar ausgewogenes Gespräch sein, auch wenn ich 90% der Zeit nur zuhöre und kaum ein Wort sage.

Wie wird es wieder ausgewogen?

Ich lade dich dazu ein, wenn du das nächste mal so etwas denkst wie „ich rede zuviel / diese Person redet zu viel“ – dann schau für dich, ob es dir gerade um eine Balance zwischen Zuhören und Mitteilen geht. Und überlege, was du jetzt gerade machen kannst, um es wieder ausgewogen zu machen. Hier ein paar Ideen: 

  • nachfragen ob die andere Person es als ausgewogen ansieht 
  • sagen, dass ich es gerade nicht ausgewogen finde
  • eine dritte Person fragen, ob sie gerade bereit ist zuzuhören
  • um eine Pause bitten
  • selbst eine Pause machen
  • mich trauen, mehr von mir zu erzählen 
  • die andere Person fragen, wie es ihr gerade geht, was sie gerade bewegt, was sie erzählen möchte

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