Mich selbst spüren

Ich höre immer mal wieder, dass Menschen von sich selbst sagen, es falle ihnen schwer, sich selbst zu spüren. Und ich kenne diesen Zustand auch aus eigener Erfahrung nur zu gut.

  • “Ich weiß gar nicht was ich will”
  • “Ich würde mich gern mehr spüren, aber weiß nicht wie”
  • “Andere können immer zeigen, wie es ihnen geht – ich weiß es nicht mal”

Woran merkt man denn, dass man sich nicht spürt?

Ehrlich gesagt: lange Zeit war es mir nicht bewusst, dass ich mich kaum spüre. Das ist auch schwierig, etwas wahrzunehmen, was man schon seit langem oder noch nie bewusst erlebt hat. Aber natürlich hatte das trotzdem Auswirkungen auf mein Leben.

  • Ich habe oft Dinge gemacht, die andere Menschen vorgeschlagen haben. Ohne eine (starke) eigene Meinung dazu zu haben.
  • Ich wusste nicht wirklich, was ich im Leben erreichen will. Ich hatte wenig Orientierung.
  • Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass in vielen meiner Begegnungen etwas fehlt – ohne das benennen zu können. Im Nachhinein würde ich sagen: zu wenig Tiefe und emotionale Nähe.
  • Ich bin oft selbst über meine Grenzen gegangen: habe zum Beispiel viel zu viel gearbeitet ohne es zu merken.
  • Starke Gefühle fand ich eher lästig oder sogar peinlich – Tränen in den Augen, wenn andere Menschen dabei waren zum Beispiel

Emotionen ohne mich zu spüren

Vielleicht noch eine wichtige Unterscheidung: es ist nicht so, dass ich gar nichts gespürt hätte. Es gibt vermutlich einige Menschen, die mich als durchaus emotional wahrgenommen haben. Da sind Tränen geflossen, ich war wütend, ich habe gelacht und ich hatte Angst.

Und im Nachhinein denke ich: ich wollte so schnell wie möglich da wieder raus. Die Angst, die Scham, die Wut, die Trauer bloß nicht mehr spüren. Es war und ist schmerzhaft, das zu erleben!

Leider ist es ziemlich leicht, Emotionen insgesamt zu unterdrücken – es ist quasi unmöglich, das selektiv zu machen. Das heißt: je mehr ich diese “negativen” Emotionen unterdrückt habe, desto mehr habe ich auch die “positiven” Emotionen verloren. Die Freude ist immer weniger geworden – Eigendiagnose “depressiv”.

Zurück zur Lebendigkeit

Collage von sieben verschiedenen bunten Blumen. Text "Ich fühle mich dann lebendig, wenn ich mich mit all meinen Facetten spüre"

Irgendwann habe ich die Entscheidung gefällt: So will ich nicht weitermachen! Ich will etwas ändern in meinem Leben!

Ich glaube tatsächlich, dass diese Entscheidung mein Leben verändert hat. Es ist nicht an einem Tag passiert. Ich habe nicht mal aktiv Dinge unternommen, um etwas zu ändern. Aber irgendwie war ich dafür bereit und habe immer öfter Gelegenheiten gesehen und ergriffen. Dadurch habe ich eine Menge neue Impulse bekommen und neue Sachen ausprobiert. Teilweise hat das einfach so nebenbei dazu geführt, dass ich mehr von mir selbst gespürt habe. Teilweise habe ich auch ganz bewusst geübt, mich mehr zu spüren.

“negative” Gefühle zulassen

Wer kennt nicht diese allgegenwärtigen Sprüche, die vor allem Kinder zu hören bekommen, wenn sie weinen oder schreien: Stell dich nicht so an! Jetzt beruhig dich doch! Du brauchst keine Angst haben! Sei nicht traurig! Ist doch nicht so schlimm!

Oft ist das auch wirklich gut gemeint. Aber die klare Botschaft dahinter kommt an: Das was du gerade fühlst, ist nicht ok. Nur konsequent, wenn wir dann anfangen, alle Gefühle zu unterdrücken.

Beim Schreiben fällt mir eine konkrete Situation ein, als ich vielleicht zum ersten Mal bewusst eine Traurigkeit gespürt und zugelassen habe. Ich war bei einem Wochenendseminar (Permakultur Schnupperkurs in Kirchzarten im Herbst 2013) und am Sonntag Morgen hat der Kursleiter Ronny “Regenwurm” das Lied “Halleluja” gesungen (das Lied von Leonard Cohen – auch bekannt aus dem Film “Shrek”). Ich weiß nicht warum, aber das hat mich so stark berührt und es sind Tränen geflossen. Es war ungewohnt – aber irgendwie war ich auch ok damit, in dieser Runde zu sitzen, obwohl jeder meine Tränen sehen konnte. Ein erster kleiner Schritt hin zum Vertrauen, dass jedes Gefühl seine Berechtigung hat und da sein darf.

Seither habe ich mich sehr viel mit Gewaltfreier Kommunikation beschäftigt. Ein ganz zentrales Konzept ist eben genau das: Gefühle brauchen keine Rechtfertigung. Jedes Gefühl ist wertvoll, weil es darauf hinweist, dass gerade etwas gut läuft bzw. nicht so toll läuft.

Kreativität

Ich meine hier Kreativität abseits von schulisch benoteten Aktivitäten, bzw. seit ich diese Erfahrungen hinter mir gelassen habe. Malen, zeichnen, singen, tanzen, Musik hören, Musik machen, schreiben. Kreativität macht Spaß und hilft mir dabei, das nach außen zu bringen was in mir ist.

Eine Zeitlang habe ich das sogar ganz bewusst genutzt, um mit meinen Gefühlen in Kontakt zu kommen. Zum Beispiel mit der Intention: ich zeichne jetzt, wie es mir gerade geht. Oder ich spiele auf einem Instrument wie es mir gerade geht (das geht übrigens auch dann hervorragend, wenn man das Instrument nicht oder nicht gut spielen kann!). Oder ich singe einfach (bevorzugt an einem Ort wo mich niemand hört) eine Melodie oder nur Töne, wie es gerade aus mir heraus will.

Gefühlswortschatz

Das klingt jetzt vielleicht nach Vokabellernen. Und auf eine Art ist das auch so. Viele Menschen (und ich habe da auch dazugehört) haben einen sehr geringen aktiven Wortschatz, wenn es um Emotionen geht.

“Wie geht es dir?” – “gut” oder “naja, nicht so toll” Diese einsilbigen Antworten hat bestimmt jeder schon mal gehört und gegeben.

Angst, Trauer, Wut, Scham, Freude – diese Worte fallen den meisten Menschen noch aktiv ein als Beschreibung für Gefühle. Und oft hört es dann sehr schnell auf.

Dabei gibt es noch so viel mehr: alarmiert, elend, zerrissen, aufgewühlt, bitter, heiter, schwungvoll, gelassen. Jedes dieser Wörter hat eine ganze eigene Färbung, eine andere Qualität. Mehr dieser Wörte aktiv zu kennen und zu benutzen, hilft mir dabei, auch genauer wahrzunehmen, was in mir gerade los ist.

Bin ich gerade ärgerlich oder frustriert? Oder ist es eher gereizt? Wo ist für mich der Unterschied? Ich habe es als sehr hilfreich erlebt, mir eine Liste mit Gefühlswörtern auszudrucken und immer bei mir zu haben. Und immer wenn ich gemerkt habe, jetzt ist gerade eine starke Emotion da, habe ich versucht ein passendes Wort zu finden.

Mit größerer Bewusstheit für die Worte kam automatisch auch ein größeres Bewusstsein für das, was ich tatsächlich in mir fühle.

Gefühle finden im Körper statt

Das, was wir als Gefühle oder Emotionen bezeichnen (ich verwende diese beiden Worte hier synonym) findet im Körper statt. Die Worte sind Abkürzungen oder Zusammenfassungen für eine Kombination aus körperlichen Vorgängen.

Bei kleinen Kindern kann man das gut beobachten: Sie sagen zum Beispiel, dass sie Bauchweh haben, wenn sie Angst haben.

Wenn ich Angst habe, merke ich oft einen Druck im Magen, eine Enge in der Brust, die Atmung wird schneller, die Knie werden weich oder zittern sogar, ich spüre kalten Schweiß auf meiner Haut, meine Augen bewegen sich schnell von einer Seite zur anderen, ich mag nicht stillsitzen. Natürlich ist es im Alltag praktischer, wenn ich sage “ich habe Angst”, als jemandem all das zu erzählen.

Körperwahrnehmung

Entsprechend hat es mir geholfen, eine bessere Körperwahrnehmung zu entwickeln, um mich selbst besser spüren zu können. Ich meine damit nicht nur die äußere Koordination wie man es beim Sport trainiert. Ich meine vor allem bewusssten Fokus auf den Körper und vor allem auch auf das innere des Körpers.

Je nach Sportart und je nach dem wie man den Sport betreibt, kann das auch dabei gut gelingen. Ich habe einige Jahre lang Aikido gemacht, seither viel Yoga, das hat sicher zu dieser Körperwahrnehmung beigetragen.

Eine weitere Möglichkeit, die ich sehr häufig genutzt habe, ist der “Body-Scan”. Eine Form der (geführten) Meditationen, bei der man nacheinander bewusst den Fokus auf alle Körperteile lenkt. Also zum Beispiel vom linken Fuß und Bein, rechter Fuß und Bein, Becken, Kontakt zum Stuhl, Bauch, Rücken, Brust, linker Arm und Hand, rechter Arm und Hand, Nacken und Hals, bis hin zum Kopf.

Von außen nach innen

Wenn es dir schwer fällt, dich selbst wahrzunehmen, kann es auch helfen, andere Menschen wahrzunehmen. Also, ganz bewusst die Aufmerksamkeit auch darauf zu lenken, wie es deinem Gegenüber gerade geht.

Vielleicht bemerkst du, dass jemand schneller atmet als sonst. Oder dass sich die Körperhaltung und die Mimik ändert. Ein Zittern in der Stimme. Alles was du im Außen siehst kannst du dann vielleicht auch einfacher bei dir selbst wahrnehmen.

Du kannst auch versuchen, deinen Mitmenschen wirklich zuzuhören. Dich ganz diesem Menschen zuzuwenden, wenn er / sie spricht. Wenn du geübt darin bist, anderen Menschen zuzuhören, dann fällt es dir irgendwann auch leichter, dir selbst zuzuhören, in dich hineinzuhorchen.

üben, üben, üben

OK, das hört sich vielleicht mühsam an. Zumindest am Anfang kann das auch so sein. Langfristig finde ich: es lohnt sich. Und irgendwann kommt die Zeit, wo es automatisch geht und leicht(er) geht.

Eine gute Gelegenheit zum Üben finde ich, das allgegenwärtige “wie geht’s dir?” immer mal wieder ernst zu nehmen. Also mir vorzustellen: OK, derjenige will jetzt wirklich wissen, wie es mir geht. Was ist denn da gerade? Wie geht es mir denn wirklich?

Die nächste Stufe: Dann auch tatsächlich aussprechen, wie es mir gerade geht. “Ich genieße gerade den Sonnenschein und bin vergnügt” oder “Ich bin gerade bedrückt und mache mir Sorgen um meine Mutter”. Ich fand es jedes Mal erstaunlich, was für schöne Gespräche daraus (nach der ersten Überraschung) entstanden sind.

Ich mag es auch bei Gruppentreffen, dass zu Beginn jeder kurz die Frage “wie bin ich hier? wie geht es mir gerade?” beantwortet. Ich finde das eine schöne Einstimmung auf das Treffen und schafft auch Verständnis und Nähe.

Geduld…

Wie bei allen Veränderungen gilt auch hier: es braucht Zeit. Auch wenn es nur eine Sekunde braucht, um eine Entscheidung zu fällen und die Richtung zu ändern. Damit sich die Veränderung im Alltag zeigt, braucht es Zeit und Geduld.

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